Radical Craft 2

Das Direktorenhaus mit seinen Ausstellungsräumen und Werkstätten gilt als Transitzone für Kunsthandwerker, Designer und Manufakturen. Hier wird „Craftmanship“, das handwerkliche Können, weiter gedacht. Die Projekte des Direktorenhauses pendeln zwischen gestalterischen Experimenten, neuen Materialien, sozialen Zukunftsentwürfen und Designkunst.

Martin Schatz

Die zweite, weiterführende Ausstellung „Radical-Craft 2″ führt das in 2020 begonnene Thema weiter fort. In der ersten Ausstellung darum, das Kunsthandwerk mit Designpositionen zu vermitteln, um dadurch zu zeigen, wie künstlerisches Handwerk und Design aufeinander wirken (z.B. beim Collectible Design). Die nun folgenden Ausgabe von Radical Craft 2 stellt die Frage noch expliziter: Warum radikal? Was soll (oder kann) das Radikale am Kunsthandwerk sein?

Der Name „Radical Craft“ nimmt Bezug auf die Designströmung Radical Design, die ihren Höhepunkt am Ende der 1960er und Anfang der 1970er Jahre in Italien erreichte und als eine der wichtigsten Avantgardebewegungen der Designgeschichte gilt. Mit Manifesten, unkonventioneller Formensprache, transdisziplinärer Arbeitsweise und utopischen Gestaltungsideen protestierten die Vertreter des Radical Design gegen den Funktionalismus und den etablierten Geschmack in Design und Architektur. Damit zeigten sie, dass Designer und Architekten sich nicht nur als Dienstleister in einem kommerziellen Kontext verstehen müssen, sondern sich aktiv und kritisch mit den gesellschaftlichen Themen auseinandersetzen können.

Diesen Innovationsschritt haben die Kunsthandwerker bislang ausgelassen. Dem Kunsthandwerk (im Allgemeinen) fehlt die Ambition, über den eigenen Tellerrand der ästhetischen Produktion hinaus zu schauen und gesellschaftlich wirksam werden zu wollen. Der Kunsthandwerker arbeitet per se in sich gekehrt und kümmert sich nicht um das Treiben der geschäftigen Welt. Oder doch nicht?

Einen erweiterten Kunsthandwerksbegriff, so wie es einen erweiterten Designbegriff gibt, gibt es jedenfalls nicht. Viele der aktuellen Designströmungen wie Critical Design, Social Design und Participatory Design haben ihren Ursprung im Radical Design; eine ähnliche Erweiterung und Aktualisierung des Horizontes hat das Kunsthandwerk bislang nicht erfahren. Kunsthandwerk wird heute eindimensional mit handwerklicher Meisterschaft verbunden oder bestenfalls als „Creativity and Craftmanship“ vorgestellt, was „Inspiration around the Corner“ verspricht.

Das aber greift zu kurz. Eine solche Sichtweise verniedlicht diesen künstlerischen Zweig, der früher, z.B. in der Arts & Craft-Bewegung, schon ganz andere umfassendere Konzepte verfolgte.

Die Ausstellung Radical Craft 2 will zeigen, dass auch heute den ausgearbeiteten kunsthandwerklichen Formen eine Energie zur gesellschaftlichen Veränderung innewohnen kann. Mit Andrei Loginov und Jürgen Eichler treten zwei ungewöhnliche Akteure hinzu: Loginov re-visualiert Bienenwaben oder Urwaldbaumstämme in fotogenetischen Leuchtskulpturen. Jürgen Eichler präsentiert holografische Glasvasen und tritt damit über den üblichen Rahmen der Glaskünstler hinaus, stellt die Frage der Grenzen der Technik. Das Duo Kreadino veredelt das Handwerk des Kalkdekorputzes zu raumfüllenden Paravents und abstrakten Wandobjekten und läßt Raumgestaltung und Raumarchitektur verschmelzen. Silke Spitzer, Dovile Bernadisiute und Edu Tarin zeigen Autorenschmuck, deren Hauptzweck nicht mehr im Tragen desselben liegt, sondern die zu autarken Objekten werden.

Mit:

Anne Petters, Andrei Loginov, Amber Zuber, Edu Tarin Joseph Pintz, Silke Spitzer, Krediano Objects, Dovile Bernadisiute, Martin Schatz, Lutz Könecke, Ute Beck, Laura Görss, Jürgen Eichler, Papierwerk Glockenbach, Claudia Biene, Timo Hoheaya, Vaust, Irina Simislone Razumovsk Fezer, Jochen Holz, Elke Sada, Studio Oink, Klemens Grund, Kristina Rothe, Peter Vogel, Maria Volokhova, Johanenlies, Frameworks, Anne Petters.

 

Die Ausstellung wird von Pascal Johanssen kuratiert